Stuttgart 21: Kostenprognose Faktor 5–6 daneben – und niemand ist’s gewesen?
„Eine Kostenexplosion schliesse ich zu 99 Prozent aus.“ – Stefan Mappus, damals baden-württembergischer Verkehrsminister (später MP), Oktober 2004. Kostenschätzung damals: 2,8 Mrd. €
„Die Kosten bei Stuttgart 21 bleiben im Rahmen – wer etwas anderes behauptet, lügt!“ – Nicole Razavi, damals verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg (heute Verkehrsministerin), September 2011. Kostenschätzung damals: 4,5 Mrd. €.
Stand nach den Medienberichten der vergangenen Tage – fast 22 Jahre nach Mappus’ „99 Prozent“-Sager: wahrscheinlich 14,5 Mrd. € bzw. weitere 2–3 Mrd. € über den derzeit offiziell veranschlagten (und bereits haarsträubenden) 11,5 Mrd. €.
99 Prozent Sicherheit. Faktor 5–6 daneben. Keine Konsequenzen. Und leider kein Einzelfall, auch wenn Stuttgart 21 drauf und dran ist, vieles bislang Dagewesene in den Schatten zu stellen.
Bent Flyvbjerg, der wohl bekannteste Forscher zu Planung und Steuerung von Megaprojekten, hat darauf bereits vor Jahren hingewiesen. “Error or Lie?” fragte er schon 2002 – und kam zu dem Schluss, dass die Daten für Letzteres sprachen. “Design by Deception” nannte er später die Politik, die Projektgenehmigungen zugrunde liegt: Kosten werden systematisch herunter-, Nutzen systematisch hochgerechnet. Nicht versehentlich, sondern weil Projekte sonst nicht genehmigt würden.
Im Fall von Stuttgart 21 tut das besonders weh, denn die Volksabstimmung, 2011 beschlossen als Reaktion auf die Proteste gegen das Projekt, wäre wahrscheinlich anders ausgegangen, hätte man stärker berücksichtigt, was die Kritiker schon damals konstatierten: Dass – nicht nur die Kosten, sondern auch andere Risiken sowie den Nutzen des Projekts betreffend – bestenfalls eine Menge wishful thinking im Spiel war und schlimmstenfalls, in Flyvbjergs Worten, eine gehörige Portion “strategic misrepresentation”.
Dass ausgerechnet Razavi heute als Verkehrsministerin für Stuttgart 21 verantwortlich ist, wirkt vor diesem Hintergrund wie eine weitere, fast schon groteske Blüte in einer ohnehin bemerkenswerten Projektleidensgeschichte. Aber wer weiß, vielleicht nutzt sie ihr Amt ja, um für eine zentrale Forderung Flyvbjergs einzutreten, die da lautet: Wer die Zahlen liefert, sollte auch für sie geradestehen – beruflich, finanziell und im Ernstfall rechtlich.